Warum Europa eine neue Aufklärung braucht

18. August 2016

Jeden Sommer dasselbe Gefühl. Wir wünschen uns ein paar Wochen in die Schwerelosigkeit der Kindheit zurück, möchten nur mit der Seele baumeln, am besten irgendwo in den Bergen oder am Meer. Auch Führungskräfte erliegen in ihren Urlaubstagen dieser Faszination (Gott sei Dank!) und lassen die Welt für kurze Zeit hinter sich. Wenn dann Mitte August der Herbst mit Morgentau und kühleren Nächten seine Vorboten schickt und uns im melancholischen Rückblick auf die heißen Tage in die Realität zurückholt, dann naht auch der Hoffnungsschimmer gegen diese Endsommer-Traurigkeit – das Europäische Forum Alpbach.

Seit 1945 ist die intellektuelle Begegnung von Experten, Wissenschaftlern, Politikern, Managern und Unternehmern in Alpbach eine Quelle für Antworten auf die nie aufhörenden Fragen nach einer besseren Welt.

Vor drei Jahren haben wir uns von Fabasoft entschlossen, aktiver Gestalter dieser Community zu werden. Schließlich leben und wirtschaften wir für die digitale Gegenwart und Zukunft. Im inspirierenden Milieu von Alpbach haben sich für uns Horizonte aufgetan, die den Blick auf einen neuen, vor allem den hoffnungsvollen digitalen Wirtschaftsraum Europa, geschärft haben.

Die diesjährige Rückbesinnung auf die Werte der Aufklärung ist ein Weckruf für das vielfach bedrohte Europa. Wenn man sich seines Verstandes bedient, wie es die Aufklärung postulierte, wird klar, dass die Ursache zahlreicher aktueller Probleme des Kontinents auch von Fehlleistungen des gesellschaftlichen Subsystems Wirtschaft ausgeht. Europa hat durch seine zu elitäre Ausrichtung der Ökonomie an einem Wachstum, von dem nur wenige spürbar profitieren, zu viele Verunsicherte zurückgelassen.

Viele Menschen fühlen sich augenscheinlich um die europäischen Werte betrogen und sind für populistische Heilsversprechen und Ressentiments gegen die Eliten empfänglicher geworden.
Der Brexit ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung, zugleich aber auch Ausdruck einer neuen Unmündigkeit, da nur wenige den Massen vorgeben, was sie denken sollen. Anstatt anzustoßen, worüber sie nachdenken müssten! Es ist ein Jammer oder wie Mahatma Gandhi sagte: Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.

Die europäischen Gesellschaften müssen dieses gefährliche Pulvergemisch wieder entschärfen, damit es nicht zur großen Explosion kommt. Und die digitale Wirtschaft hat bei der Neudefinition des gesellschaftlichen Zusammenhalts eine überragende Rolle.

Das Generalthema des Forums in Alpbach macht daher Mut. Wir Europäer sind die einzigen weltweit, die seit mehr als 200 Jahren in der Tradition der Aufklärung leben. Diesem gigantischen, bewusstseinsgetragenen Befreiungsschlag durch große Denker von historischer Dimension verdanken wir in Europa unser Verständnis von Demokratie, unsere Vorstellung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Damals hat uns die Aufklärung von aristokratischen und klerikalen Fesseln befreit. Heute müssen wir darüber nachdenken, wie wir dem globalen Sog der internationalen Konzernaristokratie entkommen und ein nachhaltiges Wirtschaftssystem auf ethischem Fundament entgegensetzen können.

Aufgeklärt sein heißt, wieder mündig zu werden. Europa kann diesen Kraftakt zwischen florierender Marktwirtschaft als Grundlage für Kontinent weite Lebensperspektiven und der Zusicherung von Menschen- und Freiheitsrechten als unveräußerliche Garantien menschlicher Würde bewältigen.

Heuer stellen wir uns in Alpbach als „Principal Partner“ in unserer Breakout-Session der Frage, wie wir den beschriebenen Interessensausgleich in der alles dominierenden Datenökonomie gestalten können. Die große Vision des digitalen europäischen Binnenraumes hat binnen Jahresfrist deutlich an Kontur gewonnen. Bei der Ausbalancierung von Sicherheitsanliegen und elementaren Schutzrechten des Einzelnen sind wichtige Fortschritte erzielt worden, die sich insbesondere in der herzeigbaren Datenschutz-Grundverordnung widerspiegeln.
Die Eckpfeiler des immer realer werdenden digitalen Binnenmarktes, wie der Abbau der Handelsbarrieren, die Verbesserung der digitalen Infrastruktur und der freie Datenfluss, werden die europäische Wirtschaft beflügeln und der Bevölkerung auch ein neues europäisches Identitätsgefühl vermitteln.

Parallel wurden auch vielversprechende juristische Akzente für eine einheitliche europäische „eIdentity“ gesetzt, die jetzt noch mit technologischen Harmonisierungen feingetunt werden müssen, um die Vorteile des großen gemeinsamen Marktes voll ausschöpfen zu können.

Die IT-Wirtschaft und hier insbesondere jene Segmente, die sich in der Umsetzung der großen Markttrends wie Cloud Computing, Big Data, Mobility und Social Networks engagieren, müssen jetzt alles daran setzen, im Zusammenspiel von Forschung und Industrie nicht nur globale Technologieführerschaft zu pushen, sondern auch Referenzrahmen für Sicherheit und zertifizierte Dienstequalität zu etablieren. Dann kann Europa auch in der globalen Datenökonomie wieder zum „role model“ werden wie einst mit der Erfolgsgeschichte GSM.

Für die Herausforderungen wie der Konzeption von „smart cities“, bei autonomen Verkehrssystemen, Ambient Assisted Living Technologien oder bei IT-gestützten Produktionsverfahren in der Industrie 4.0 brauchen wir einen gezielten Aufbau der erforderlichen IT-skills durch das gesamte Bildungssystem und eine Wertschätzung für Entrepreneurship durch Förderprogramme zur Erleichterung universitärer Ausgründungen.

Mit der Neudefinition der europäischen IT wird neues europäisches Selbstbewusstsein entstehen! Vielleicht kann man sogar soweit gehen, dass die neue Aufklärung dem Kontinent auch das philosophische Rüstzeug in die Hand gibt, gesellschaftlichen Rückentwicklungsphänomenen entgegen zu wirken. Aufklärung braucht Verstand und der mündige Geist entsteht nur durch Wissen und Bildung, an denen alle teilhaben können. Ich wünsche mir Europa als einen Ort, so wie es auch die neue britische Premierministerin Theresa May bei ihrer Inauguration sagte, wo die einzige Limitierung für den Einzelnen in seinen Talenten liegt.

Die Vision vom digitalen Binnenmarkt muss nun alle europäischen Kräfte freisetzen, das intellektuelle Potenzial der „alten Welt“ bündeln und in einem beispiellosen Solidaritätsakt das neue Europa für alle hervorbringen.

Mir persönlich ist das Thema „Digitalisierung“ so wichtig, dass ich meine Visionen dazu in einem jüngst bei „myMorawa“erschienenen Buch dargelegt und in gesellschafts- und wirtschaftspolitische Zusammenhänge eingebettet habe. In „Gegen den Verfall“ - Wie die Digitalisierung Europa retten muss“ vervollständige ich jenes Bild von einer europäischen Datenwirtschaft, das ich in meinen Blogbeiträgen immer wieder in einzelnen Skizzen angedeutet habe: Der digitale Binnenmarkt muss seine Basis in den Menschenrechten haben und alle Maßnahmen der politischen Akteure müssen dieses Fundament unserer europäischen Ordnung immer als letztes Korrektiv beachten, wenn sie technologische Fortschritte in ökonomische Chancen transformieren wollen.

Lassen Sie mich diesen Blog ausnahmsweise mit einem pathetischen Aufruf schließen. Jeder Sympathisant für ein gemeinsames Europa ist ein neuer Aufklärer! Ich freue mich über jeden, der mit mir gemeinsam an dieses Europa glaubt. Wir brauchen jeden einzelnen. Dann können wir vielleicht 2020 sagen: „It is only Europe where this special enlightenment took place more than once“.

Helmut Fallmann
Mitglied des Vorstandes

Vor fast drei Jahrzehnten gründete Helmut Fallmann gemeinsam mit Leopold Bauernfeind die Unternehmensgruppe Fabasoft. Heute ist er Mitglied des Vorstandes der Fabasoft AG. Fabasoft hat sich zu einem führenden europäischen Softwareprodukthersteller und Cloud-Dienstleister mit Sitz in Linz, Österreich, entwickelt.

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