Warum die digitale Transformation noch holpert und stolpert

19. Januar 2018

Gleich zu Beginn eine Anmerkung in eigener Sache: Der „United Clouds of Europe“-Blog hat seine Schuldigkeit getan, denn mit der geänderten Rahmengesetzgebung zugunsten eines digitalen Europas haben sich viele meiner Anliegen erfüllt. Noch existieren die „United Clouds of Europe“ nicht, aber wir sind auf einem guten Weg. In der Zwischenzeit soll sich mein Blog thematisch erweitern und unter meinem Namen firmieren. Zum Einstieg möchte ich die bildungspolitischen Ideen im politisch neu aufgestellten Österreich besprechen.

Innovationsstandort Österreich?

Kritisch betrachtet gehört Österreich bei Bildung und Innovation nicht zu den erfolgreichsten Ländern Europas. Eine Analyse des Grazer Statistikers Harald Lothaller resümiert, dass die Nachfrage nach für die Digitalisierung bedeutenden Studienfächern wie Informatik und Wirtschaftsinformatik im Universitätsjahr 2016/17 eher gering war. Auch die Belegung prüfungsaktiver Fächer war mit acht Semester-Wochenstunden oder 16 ECTS-Anrechnungspunkten kaum nennenswert, und die Abschlusszahlen legen nahe, dass die Anzahl der Studienabbrecher hoch ist. Genug Handlungsbedarf für die bildungspolitisch Verantwortlichen also, um für diese Zukunftsdisziplin verstärkte Anreize zu schaffen, die Studienbedingungen zu verbessern und damit die Akademikerraten anzuheben. Und vor allem: Den Betreuungsschlüssel zu verbessern, denn derzeit ist dieser viel zu schwach.

In die gleiche Kerbe schlug kürzlich Dr. Hannes Androsch in seiner Funktion als Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung in einem Zeitungs-Interview: „Wir sind in Österreich überadministriert. Auf dem Papier haben wir doppelt so viele Studenten wie die Schweiz, aber mehr als die Hälfte macht keinen Abschluss. Und die 44 Prozent der rund 300.000 Studenten, die fertig werden, brauchen im Schnitt 20 Semester.“

Innovationspolitik im Fokus

Nach knapp zwei Monaten Koalitionsverhandlungen ist die neue Bundesregierung in Österreich angelobt worden. In den Abschnitten Bildung und Digitalisierung finden sich im Regierungsprogramm viele Akzentsetzungen, mit denen die Regierung die gerade beschriebenen Defizite beseitigen und Österreich an die Innovation Leader heranführen möchte.

Im Sektor Bildung möchte Österreich künftig allen Schulabgängern jene Qualifikationen mit auf den Weg geben, wie sie heute in der Berufswelt erforderlich sind. Dazu zählen neben sinnerfassendem Lesen und Schreiben in der Landessprache, einer Grundfremdsprachenausbildung und mathematischem Basiswissen auch soziale Kompetenzen und digitale Kulturtechniken, die zur selbstbestimmten Teilhabe an der Arbeitswelt und dem gesellschaftlichen Leben insgesamt befähigen. Dabei will Österreich die strukturelle Vielfalt seiner eingeführten und bewährten Schultypen erhalten, ideologiefreie Rahmenbedingungen für schulautonome Profilbildung und Anreize für eine Talenteförderung schaffen. Mich freut es natürlich, wenn die neue Bundesregierung bei letzterem Schwerpunkt Oberösterreich als Modellregion sieht, wo ich als Präsident von „Talente OÖ“ die Ausrichtung aktiv mitgestalten darf.

Im Bereich Wissenschaft, Forschung und Universitäten schwebt der neuen Bundesregierung eine Verbesserung der Governance vor, die sich unter anderem in verbesserten Betreuungsverhältnissen von Professoren/Dozenten zu Studierenden oder in der Senkung von Studiendauern bzw. Drop-out-Raten und in größerer studentischer Eigenverantwortung ausdrücken sollen. Das wird, wie die Eingangsbeispiele zeigen, notwendig sein.

Der richtige Mix macht´s aus

Des Weiteren will die Bundesregierung für den Hochschulsektor klare Exzellenzbereiche entlang der industriellen Stärken des Landes definieren. Ferner wird es auch entscheidend sein, die Karriereperspektiven in der universitären Lehre und Forschung für die Anwerbung der besten Köpfe zu entwickeln und die heimischen Universitäten mit besonderen, heute in internationaler Nachfrage stehenden Curricula für eine multinationale und interkulturelle Studentenschaft attraktiv zu machen.

Für den Innovationsstandort Österreich will die neue Bundesregierung mit einem Maßnahmen-Mix aus angepasster FTI-Strategie, mit der die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Technologieentwicklung und innovativer Industrie stärker paktiert wird, aus Open Innovation-Ansätzen unter Einbindung einer Vielzahl gesellschaftlicher Stakeholder, durch zeitgemäße Breitbandinfrastrukturen als Fundament einer digitalen F&E-Landschaft sowie durch die Digitalisierung von Verwaltung, Bildung, Wirtschaft und der Sicherheit des Landes die entscheidenden Impulse setzen.

So soll sich Österreich bis 2021 zum 5G-Vorzeigeland entwickelt und auch die Glasfaserinfrastruktur eine landesweite Versorgung mit Gigabit-Anschlüssen gewährleisten. Cyber-Security wird in der zweiten Hälfte 2018, in der Österreich den Ratsvorsitz in der EU innehat, einen Schwerpunkt bilden. Im Zuge der Vorbereitung auf dieses Ereignis will Österreich sein Cyber Security-Center in eine Hightech-Einheit ausbauen.

So viel zur Theorie. Wir sollten jetzt fair sein und der neuen Bundesregierung die erforderliche Zeit zu geben, ihren Maßnahmenkatalog sukzessive in die Tat umzusetzen. Aber gleichzeitig werden wir den Verantwortlichen auf die Finger schauen, ob den Absichtserklärungen zur Stärkung von Österreichs Wissenschaft und Wirtschaft die entscheidenden Realisierungen gelingen.