Softwaretechnik ist der Maschinenbau des 21. Jahrhunderts

25. März 2014

Burton H. Lee, Dozent für „European Entrepreneurship and Innovation“ an der angesehenen „Stanford School of Engineering“ im kalifornischen Silicon Valley, war kürzlich auf  Einladung der Bank Austria in Wien. In mehreren Medien (vgl. format.at oder futurezone.at) attestierte der Innovationsexperte Europa ein „Software-Problem“, das dem Kontinent einen noch gravierenderen globalen Wettbewerbsnachteil beschert, wenn nicht rasch mit geeintem politischen Willen gegengesteuert wird.

Man muss Burton Lee in seinem Gesamturteil leider Recht geben. Europa blieb mit seinen gewachsenen industriellen Stärken bei der Produktion technischer Güter und Anlagen zu lange dem im 19. Jahrhundert entstandenen Konzept einer „Hardware“-Wirtschaft verhaftet und erkannte die Bedeutung von Software nur zum Teil.

Da Experten wie Burton Lee aber Meinungsmultiplikatoren sind, möchte ich ihm ein paar Beispiele nennen, die zeigen, dass der notwendige Umdenkprozess auch in Europa bereits eingesetzt hat. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Bedeutung von Software und von Software-basierten Diensten an den Schnittstellen der großen Megatrends der digitalen Wissensökonomie – Mobilität, Cloud Computing, Soziale Kollaboration und Big Data – noch einmal enorm potenziert hat.

Die europäische Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel dafür, wie in High Tech-Branchen Hardwarekomponenten des traditionellen Fahrzeugbaus mit eingebetteten Software-Systemen kombiniert werden und dadurch ein neuer Qualitätslevel bei intelligenten, autonomen Verkehrssystemen kreiert wird. Die europäische Autoindustrie ist dadurch bärenstark wie nie zuvor.

Auch bei Marktanalysen und der Erarbeitung von industriellen Zielvorstellungen für Software-Entwicklung und dem wirtschaftlichen Einsatz von Software ist Bewegung in die Branche gekommen. So hat zum Beispiel eine von Fraunhofer ISI (Institut für System- und Innovationsforschung) durchgeführte Studie zur Software- und IKT-Dienstleistungsbranche in Deutschland den gesamten Markt durchleuchtet und entsprechende Empfehlungen für die Industrie erarbeitet. Zentral wird eine auf Software fokussierte Standort- und Industriepolitik vorgeschlagen. Die weiteren Handlungsansätze betrafen exakt die von Burton Lee geäußerten Kritikpunkte:

Dazu gehören laut Studie die Unterstützung nationaler und internationaler Cluster, die Entwicklung von Wachstumsmärkten bei Software und IT, die Nutzung der Potentiale staatlicher Nachfrage, die Schaffung von Anreizen für verstärkte Venture Capital-Investitionen, der Ausbau der F&E-Förderung oder auch die Anpassung des Bildungssystems an die Wissensgesellschaft.

Und auch für den Software-Standort Europa wurde mit einer „European Software Strategy“ ein Basis-Szenario bis 2020 erarbeitet. Dabei wurden zuerst die technologischen Kern-Enabler für die Software-Industrie der kommenden Jahre identifiziert. Dazu zählen künstliche Intelligenz, das Semantische Web, Informationsmanagement, die digitale Identität, Interoperabilität, RFID (Radio Frequency Identification), allgegenwärtige Netzwerke, Sicherheit, Rechenzentren und Breitbandtechnologien. Darauf basierend wurden aufkommende Marktsegmente benannt wie mobile Applikationen, Web 2.0, das „Internet der Dinge“, Service orientierte Architekturen (SOA), Open Source Software (OSS) und Cloud Computing.In all diesen Teilmärkten sollen mittelfristig die aufgedeckten technischen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Barrieren überwunden werden, um Europa als Software- und IT-Standort zu positionieren.

Aus technischer Sicht versperren mangelnde Interoperabilität und Standardisierung, Sicherheitsmängel, fehlende flächendeckende Cloud-Infrastrukturen und eine eingeschränkte Internet Governance eine wirksame Priorisierung von Software in der europäischen Industriepolitik. Die uneingeschränkte Verfügbarkeit von Breitbandtechnologien und die Unterstützung von Software Engineering müssten endlich Beachtung finden.

Aus wirtschaftlicher Perspektive stehen einer Stärkung der europäischen Software-Industrie der Schrebergarten aus nationalen Teilmärkten, das zu geringe Ausgabenniveau für Forschung und Entwicklung, die geringen Margen von IT als allgemeines Gebrauchsgut (Commodization), die Umsatzeinbußen durch Copyright-Verletzungen sowie die zu geringe Unterstützung von Start-ups und KMUs durch Risikokapital entgegen.

An sozialen Barrieren müssen vor allem fehlende e-Skills und der dadurch bewirkte Fachkräftemangel im Software Engineering, mangelndes Management-Wissen um Software und IT überwunden werden.

Und im Bereich rechtlicher Hindernisse sollten Harmonisierungsbestrebungen noch gezielter einsetzen und die rechtlichen Rahmenbedingungen für grenzüberschreitende IT-Serviceangebote und den unternehmerischen Einsatz von Softwarelösungen im gesamten EU-Raum festgelegt werden.

Die Fabasoft AG  verfolgt als mittelständisches IT-Unternehmen seit Jahren eine Strategie, in der diese jetzt öffentlich diskutierten Leitlinien zur Stärkung der europäischen Software-Industrie konsequent vorweggenommen sind. Wir haben unsere Business-Strategie und unser Produktportfolio von Anfang an auf die Schwerpunkte Dokumentenmanagement, elektronische Zusammenarbeit auch über Ländergrenzen hinweg und das schnelle Auffinden von digitalen Geschäftsinformationen konzentriert. Das hat uns in den zweieinhalb Jahrzehnten unseres Bestehens zu einem sehr erfolgreichen Anbieter von B2B-Collaboration-Lösungen gemacht. Fabasoft hat auch den irreversiblen Paradigmenwechsel von lizensierten Software-Produkten hin zu einer auf Cloud Computing basierenden Bereitstellung von Software, Plattformen und Infrastruktur frühzeitig vorausgesehen.In der gesamten Ausrichtung unserer Cloud-Marktaktivitäten haben wir immer wieder die Bedeutung von „Made in Europe“ hervorgestrichen und mit einem umfangreichen Trust-Konzept für sichere Datenlokationen, faire und einheitliche Vertragsbedingungen und die Nutzung von Early Adopter-Effekten durch Einsatz unserer Portfoli im Bereich der öffentlichen Hand geworben. Dieses Bestreben um die Etablierung unseres Konzepts „United Clouds of Europe“ hat uns jetzt auf der europäischen Bühne endlich Gehör verschafft. So ist Fabasoft in die Harmonisierung von Servicekontrakten maßgeblich eingebunden.

Unser Unternehmen kann als Beispiel dafür gesehen werden, wie man mit entsprechender Promotion für eine europäische Cloud-Infrastruktur, mit der Verlinkung von Cloud-Akteuren zur Etablierung europäischer Knowledge-Pools sowie mit der Anwaltschaft für einen verbesserten Datenschutz die europäische Wirtschaft ins Cloud-Boot holen kann.  Manche mögen nun meinen, das klingt alles nach viel Eigenlob. Mag sein. Aber wenn nicht einmal ein Experte und Meinungsmultiplikator vom Schlage eines Burton Lee Anstrengungen einzelner europäischer Akteure wahrnimmt, dann ist es höchste Zeit, selbstbewusst aufzuzeigen. Eines ist aber vorbehaltlos richtig: Softwaretechnik ist der Maschinenbau des 21. Jahrhunderts.

Helmut Fallmann
Mitglied des Vorstandes

Vor fast drei Jahrzehnten gründete Helmut Fallmann gemeinsam mit Leopold Bauernfeind die Unternehmensgruppe Fabasoft. Heute ist er Mitglied des Vorstandes der Fabasoft AG. Fabasoft hat sich zu einem führenden europäischen Softwareprodukthersteller und Cloud-Dienstleister mit Sitz in Linz, Österreich, entwickelt.

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