Resistance gegen Überwachung verliert einen wichtigen Kämpfer

28. Juli 2015

Nachruf auf Caspar Bowden

Der britische Datenschutz-Aktivist Caspar Bowden ist am 9. Juli 2015 im Alter von nur 53 Jahren in seinem südfranzösischen Domizil in Midi-Pyrénées gestorben. Sein viel zu frühes Ableben hinterlässt eine große Lücke in der Front der Überwachungsgegner, die nur schwer zu schließen sein wird. Bowden hat seine letzten Lebensjahre engagiert und altruistisch seinem Kampf gewidmet, der Datensammelmanie der Geheimdienste Widerstand entgegenzusetzen und damit den Schutz der Privatheit als zentrales Menschenrecht des 21. Jahrhunderts neu zu begründen.

Als Bowden im März 2011 in seiner Funktion als Datenschutzberater der Europazentrale von Microsoft auf einem Strategie-Meeting zur Markteinführung von Cloud Computing bei nationalen Regierungen die Konzern-Botschafter aus 40 Ländern eindringlich davor warnte, dass die NSA aus diesen staatlichen Clouds dann alle Daten scannen kann, galt er als Nestbeschmutzer und Verschwörer. Seine Microsoft-Karriere war ganze acht Wochen später Geschichte.

Edward Snowdon bestätigte jedoch nur zwei Jahre später mit seinen Enthüllungen über die Machenschaften der NSA und die Verfilzung von Staatssicherheit, Hochfinanz und Technologie-Giganten Bowden’s visionäre Früherkennung des „gläsernen Menschen“. Dies war sein vielleicht größter Sieg in seinem beruflichen Leben und brachte ihm eine bedeutende Beraterrolle beim Europäischen Parlament ein, für das er vor zwei Jahren einen Expertenbericht über die politischen Auswirkungen der NSA-Aktivitäten auf die Demokratie in der EU verfasste.

Seinen letzten großen Auftritt hatte er letzten Dezember beim 31C3 (31. Chaos Communication Congress) in Hamburg, wo er über die „Cloud Conspiracy“ referierte. Dabei ging es um die zentrale Anklage, dass die US-amerikanischen FISA-Gesetze die Menschenrechte in der EU aushebeln und die Zivilgesellschaft in Europa sich dagegen nicht konsequent genug zur Wehr setzt.

„Um die europäischen BürgerInnen zu schützen, müssen die US-Gesetze geändert werden“, monierte Bowden, oder „wir müssen es den Überwachern so schwer wie möglich machen, um der grenzenlosen Ausleuchtung unserer Privatsphäre durch den Staat zu entkommen“. Bowden arbeitete zuletzt an einem Chiffriergerät für Textnachrichten, das in der Lage ist, Texte so zu verschlüsseln, dass kein Geheimdienst sie mitlesen kann.

Bowden hat Botschaften für die Freiheit der Menschen formuliert, Botschaften die wie in Stein gemeißelt sind. So wie die Köpfe der US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln im Mont Rushmore National Memorial in den Black Mountains von South Dakota, die in Analogie ebenfalls die Freiheit und Würde des Menschen symbolisieren.

Wenn wir Bowden’s Anwaltschaft für das Menschenrecht auf „nicht Überwacht werden“ in Europa über seinen Tod hinaus lebendig halten wollen, dann können wir guten Gewissens eine Anleihe bei Lincoln’s „Gettysburg Address“ nehmen, „in dem wir zu einer freien Gesellschaft des Volkes, durch das Volk und für das Volk zurückkehren, in der die „Orwell’schen“ und „Huxley’schen“ Prophezeiungen der Unfreiheit keinen Platz mehr haben.

Caspar Bowden hat bis zuletzt darauf vertraut, dass wir in Europa mit einem diametral anderen Verständnis von Datenschutz als Menschenrecht einen Beitrag zu einer freieren, digitalen Welt leisten, als wir sie heute unter US-Dominanz vorfinden.

Caspar Bowden hat seinen letzten Kampf gegen einen heimtückischen Hautkrebs in nur wenigen Monaten verloren. Er hat uns jedoch ein großes Vermächtnis hinterlassen, das wir als freiheitsliebende Europäer gezielt fortführen müssen. So können wir die Erinnerung an diesen außergewöhnlich mutigen Menschen wachhalten.

Caspar Bowden war 2014 Gastreferent bei der Fabasoft Breakout Session im Rahmen der Alpbacher Wirtschaftsgespräche. Ich bin außerordentlich dankbar, dass ich ihn kennenlernen und mit ihm diskutieren durfte.