Europas letzte Chance – Wie die Digitalisierung den Kontinent retten muss

20. Februar 2016

Die Digitalisierung hat Europa kalt erwischt. Wir wurden überrollt von ITK-Riesen aus den USA und Asien, wir wurden gedemütigt von der NSA und ihrem Datenrausch – und das Schlimmste: Wir haben es zugelassen. Europa war einfach zu langsam. Das soll und wird sich jetzt ändern. Die Digitalisierung hat Europa überrollt, aber wir sind dabei, uns aufzurappeln und das Ruder herumzureißen. Denn in der Digitalisierung liegt auch der Schlüssel zu einer besseren, wirklich gemeinschaftlichen Zusammenarbeit. Die Digitalisierung kann Europa endlich zu jener Gemeinschaft zusammenschweißen, wie sie bisher leider nur am Reißbrett existierte.

Wie soll das funktionieren?

Europa und die USA kommunizieren schon seit über hundert Jahren via dem von den Briten initiierten Unterseekabel miteinander. Mittlerweile haben sich die Machtverhältnisse um 180 Grad gedreht und den Datenfluss regieren nun die Internet-Giganten aus dem Silicon Valley. In den Tiefen des Meeres fließen die Daten nun fast ausschließlich in eine Richtung: von Europa in die USA. Und die Apps, die diese Daten generieren, haben ihren Ursprung zu 54 Prozent ebenfalls in den USA. Umgekehrt finden nur 4 Prozent europäischer Produkte ihre Verwendung jenseits des Atlantiks.
Mit einer derartigen, durch die Digitalisierung hervorgerufenen Machtkonzentration hat kaum jemand gerechnet. Noch 1989 prognostizierte der Nobelpreisträger Paul Krugman: „Das Internet wird nicht mehr Einfluss haben auf die Wirtschaft als das Faxgerät.“

Was für ein Irrtum! Die Internet-Industrie hat rasant an Fahrt aufgenommen. Google, Facebook, Amazon zeigen, dass online Milliarden zu verdienen sind. Allerdings bedeuten Gesetze diesen Branchengrößen wenig. Selbstfahrende Autos, die Besiedelung des Mars und ewiges Leben sind viel wichtiger. Technologische Singularität heißt das Stichwort, und der Fortschritt ist bereits dabei, sich selbst zu überholen. Europa keucht den Entwicklungen hinterher und wird durch Ereignisse wie den NSA-Abhörskandal zusätzlich gedemütigt. Und um sich ihre Machtposition zu sichern, kaufen US-Firmen europäische Start-ups oder Unternehmen in der Krise auf.

Aber es keimt dennoch Hoffnung: Einige Firmen lassen sich von den Machtgebärden aus Übersee nicht beeindrucken und weisen Europa als Leuchttürme in eine vielversprechende Richtung. Der IT-Riese SAP ist ein Beispiel, aber auch der mittelständische Musikhandel Thomann, welcher mit seinem herausragenden Service Amazon im Kundenranking überholt hat. Oder die Firma Würth, die ihre Schrauben schneller an Baustellen liefern kann als Amazon und damit „die Nase vorne hat".

Auch Fabasoft hat für seine Stakeholder alles getan, um aus der Digitalisierung möglichst viel Wert zu schöpfen. Im Frühjahr haben wir zwei richtungsweisende Appliances für eine „Private Cloud“ Lösung und eine echte „Ende-zu-Ende“-Verschlüsselung auf den Markt gebracht. Im Oktober konnten wir auf Basis der hohen Sicherheitsstandards und der System-Offenheit unseres bewährten Cloud-Ökosystems die österreichische Post AG als Wiederverkäufer gewinnen. Last, but not least haben wir knapp vor Jahresschluss die „5 Sterne-Zertifizierung“ nach dem EuroCloud Star Audit erhalten. Damit ist die Fabasoft Cloud weltweit das erste Cloud Service, dem diese einmalige Qualitätsbescheinigung für ihre Standards entlang der gesamten Cloud-Wertschöpfungskette zugesprochen wurde. Für Fabasoft war dieses Audit-Ergebnis Bestätigung und Auftrag zugleich. Wir werden unser hochwertiges Cloud-Ökosystem weiterhin als Role-Model für eine Cloud-Industrie „Made in Europe“ positionieren.

Denn „Made in Europe" muss zu einem einzigartigen Qualitäts-Zeichen werden. Dafür muss sich Europas Wirtschaft schnellstens wieder aufraffen. Eine unionsweite Zusammenarbeit ist dafür notwendig - so, wie sie schon bei Großprojekten wie GSM oder Airbus unter Beweis gestellt werden konnte. Vielleicht wird mit vereinten Kräften ein weiterer europäischer Exportschlager möglich. Etwa ein Betriebssystem, das im globalen Einsatz steht, aber eben „Made in Europe" ist.

Technologische Vorherrschaft bedeutet: Harte Arbeit und Ideenreichtum. Die europäische IT kann, aufbauend auf folgenden zwei Säulen, wieder auferstehen: Der Datenschutzrichtlinie und der Netz- und Informationssicherheitsrichtlinie. Es wurde vor wenigen Wochen beschlossen, dass die Datenschutz-Grundverordnung 2018 (hoffentlich) umgesetzt wird - und das war hoch an der Zeit! Zusätzlich braucht Europa dringend gemeinschaftliche Initiativen wie etwa die United Clouds of Europe. In wenigen Jahren wird einfach alles aus der Cloud kommen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Was ist dafür im Vorfeld nötig?

  • Erstens bedarf es einer umfassenden Zertifizierung, die eine klare Aussage zur Leistungsfähigkeit eines Unternehmens, seiner Geschäftsprozesse, der Datensicherheit oder des Schutzes personenbezogener Daten liefert.
  • Das zweite Thema ist Agilität. Wir brauchen einheitliche Verträge für die Nutzung von Clouds.
  • Das dritte Thema umfasst Offenheit und Interoperabilität: Europa benötigt Standards für Datenzugriff und für Datenstrukturen sowie Data-Portability. Es soll jederzeit möglich sein, den Anbieter wechseln zu dürfen.
  • Infrastruktur ist der vierte Punkt: Für eine optimale Nutzung von Cloud Computing ist Breitband ohne Grenzen notwendig. Das hat Europa erkannt und investiert kräftig in die neue 5G-Technologie, die aufgrund der explodierenden Anzahl an Smart Devices bald nötig sein wird. Schätzungen gehen für das Jahr 2019 von 24 Milliarden Geräten inklusive M2M Communication im Internet der Dinge aus. Das Datenvolumen soll im selben Zeitraum um das 30igfache zunehmen. Im Rahmen der „5G Infrastructure Public Private Partnership“ stellt die EU 700 Millionen Euro für die Entwicklung von 5G bereit, um beim ultraschnellen Breitband ganz vorne mitspielen zu können.
  • Und schließlich brauchen wir Basis-Services, die wir in jedem Mitgliedsstaat identisch nutzen können. Das gilt insbesondere für digitale Identität, digitale Signatur und digitale Zustellung. Cloud-Hersteller müssen in jedem Mitgliedstaat diese Anwendungen gesondert programmieren - hier sind einheitliche Programmierstandards unbedingt nötig. Erst mit definierten europäischen Standards haben europäische Unternehmen die Chance, auch globale Bedeutung zu erringen.

Wenn diese Aufgaben erfüllt wurden und das neue digitale Europa endlich hochfährt, was wird dann alles machbar sein?

Mit der elektronischen Identität und Signatur als gemeinschaftliche Schlüssel für alle Behördenakte und kommerziellen Bedürfnisse wird vieles möglich. Online Wählen zum Beispiel. Vor allem junge Leute sind kaum noch am politischen Geschehen interessiert. ABER: 42 Prozent der jungen Europäer zwischen 15 und 24 Jahren geben an, sich online schon einmal politisch geäußert zu haben. Das sollte man nützen und diese Zielgruppe genau dort abholen! Estland hat bereits gezeigt, wie es funktioniert: Seit 2005 können die Esten online wählen. Bei den estnischen Parlamentswahlen 2015 entschlossen sich 64 Prozent der berechtigten Bevölkerung zur Wahl, 31 Prozent davon machten ihr Kreuz online. Damit hat der virtuelle Wahlgang im Vergleich zur Wahl von 2011 um ein knappes Viertel zugelegt.

Lernen und höhere Bildung werden immer und überall möglich sein.

Die EU kurbelt die Bildung in Richtung Digitalisierung an. Ohne digitale Kenntnisse droht in der heutigen Informationsgesellschaft die Gefahr, sowohl beruflich als auch persönlich völlig ins Hintertreffen zu geraten. Für Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder auch abgelegenen Wohnorten eröffnet eLearning ganz neue Möglichkeiten - vorausgesetzt natürlich, die Internetverbindung ist schnell genug. Damit Programmier-Kenntnisse keine Alchemie bleiben, die nur wenigen vorbehalten ist, ist besonders wichtig, dass die Grundbegriffe des Programmierens schon den Kleinsten beigebracht werden. Ansonsten bleibt die digitale Alphabetisierung nur halbherzig. Estland ist auch hier Vorreiter: Schon in der Volksschule lernen Kinder die ersten Programmierschritte. Übrigens: In mehr als 90 Prozent aller Job-Descriptions wird auch heute schon digitale Kompetenz gefordert!

Hürdenloses Zahlen wird mit eBanking und eInvoicing zur Selbstverständlichkeit.

Im digitalen Europa wird das grenzüberschreitende Eröffnen eines Kontos ganz einfach und transparent möglich sein, egal, ob es sich bei den Kontoinhabern um Privatpersonen oder Unternehmen handelt. Online-Banking ist mittlerweile zur Normalität geworden. Im hohen Norden Europas kennt man beinahe nichts Anderes mehr: 91 Prozent der Isländer tun es, dicht gefolgt von den Norwegern mit 89 Prozent. Insgesamt überweisen und empfangen 44 Prozent der Durchschnittseuropäer ihr Geld online. Und auch Rechnungen wandern ab in virtuelle Sphären. Seit 2011 sind in Deutschland elektronische Rechnungen den Papier-Versionen gleichgestellt, 2013 ist Österreich nachgezogen und befolgt damit die entsprechende EU-Richtlinie. Geschäftsprozesse werden so um Lichtjahre einfacher, schneller und preisgünstiger - man denke allein an das entfallende Porto!

Die Gesundheitsvorsorge wird Grenzen überschreiten.

Wir Europäer leben immer länger, was die Ausgaben für Gesundheit und Soziales steil in die Höhe treibt: Neun Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts sollen 2050 dafür notwendig sein, lautet die nüchterne Prognose. Die Instrumente des digitalen Europas werden zum wichtigen Verbündeten, um Menschen jeden Alters immer und überall zum besseren Umgang mit ihrer Gesundheit zu emanzipieren. Jeder europäische Patient hat das Recht auf eine hochwertige Behandlung an allen Orten innerhalb der Union, inklusive Kostenerstattung, so wie es der Sozialversicherungsträger auch im Heimatland vorsehen würde.

Auch eShopping erfährt keine Einschränkungen mehr, was der europäischen Wirtschaft zusätzlichen und dringend benötigten Auftrieb verleiht. Damit wird der Handel mit Produkten immer stärker zum Handel mit Daten. Dazu gehört auch, dass dem leidigen Geo-Blocking endlich ein Ende gemacht wird und Online-Videos überall in der EU abrufbar werden.

Die Voraussetzungen für diese strahlende Zukunft noch einmal in aller Kürze zusammengefasst: Der Ausbau der digitalen Infrastruktur - etwa Breitband-Internet -, Standardisierungs-Richtlinien und ausreichend Investitionen in die europäische Start-up-Szene.

Und wie gestaltet sich das Worst-Case-Szenario?

Wenn Europa nicht Obacht gibt, wird unsere Gesellschaftsstruktur bald aussehen wie ein Bagel, die Semmel amerikanischer Machart: In der Mitte ein großes Loch. MIT-Professor Andrew McAfee warnt vor dem Niedergang der Mittelschicht, wenn wir zulassen, dass die Segnungen der Technologie und die damit ständig steigende Produktivität unsere Arbeitsplätze auffressen anstatt neue zu schaffen. Mehr Unternehmertum sei die Lösung, fordert er. Peter Diamandis, Geschäftsführer der Singularity University im Silicon Valley, sagt, dass in nur zehn Jahren 40 Prozent der heute 500 größten Unternehmen der Welt keine Rolle mehr spielen werden.

Lassen wir es nicht soweit kommen! Achten wir darauf, dass die Digitalisierung in Europa keine Löcher gräbt, sondern schon bestehende Lücken auffüllt und uns zu neuem Wohlstand verhilft - damit der Bagel zur Kaisersemmel wird. Tu felix Europa!