eIdentity: Der Generalschlüssel zum Europäischen Binnenmarkt

4. November 2016

Analog war schön, aber gestern. Heute sind digitale Technologien Teil fast aller Anwendungen und Produkte. Und deren Lebenszyklus dreht sich schneller und schneller: In zehn Jahren werden 40 Prozent der heute 500 größten Unternehmen der Welt keine Rolle mehr spielen, behauptet Peter Diamandis, Geschäftsführer der Singularity University im Silicon Valley.

Wenn wir nicht auf der Hut sind, wird unsere Gesellschaft bald aussehen wie ein Bagel: in der Mitte ein Loch. MIT-Professor Andrew McAfee warnt vor dem Niedergang der Mittelschicht, falls wir zulassen, dass die Segnungen der Technologie unsere Arbeitsplätze auffressen anstatt neue zu schaffen. Mehr Unternehmertum sei die Lösung, fordert er.

Weise Worte zweier Amerikaner. Fehlt es denn in Europa an smarten, digitalen Visionen? Mitnichten! Allerdings humpeln wir in der Umsetzung den USA und Asien hinterher. Und das muss sich rasch ändern.

Baukasten für ein besseres Europa

An einem digitalen europäischen Binnenmarkt wird bereits intensiv gearbeitet. Der Baukasten für ein besseres Europa besteht aus drei massiven Säulen: Erstens sollen bestehende Barrieren niedergerissen werden. Das heißt unter anderem, dass das Vertragsrecht für den grenzüberschreitenden Warenverkehr vereinfacht und der Konsumentenschutz verstärkt wird. Für den Verbraucher bedeutet dies zum Beispiel, endlich auch Videos auf Online-Plattformen anderer Mitgliedsstaaten ansehen zu können, ohne rüde aus dem digitalen Kinosaal geworfen zu werden. Lieferungen in alle Länder Europas dürfen kein Problem mehr darstellen und müssen preislich transparenter werden. 

Die zweite der drei Säulen beschäftigt sich mit einer Verbesserung der digitalen Infrastruktur. Ohne Breitband-Internet gibt es kein Weiterkommen, und leider ist das in vielen ländlichen Gegenden Europas nach wie vor der Fall. Nur 25 Prozent der Europäer haben Zugang zum Internet der vierten Generation (4G), am Land sind es nur noch jämmerliche vier Prozent. Im Vergleich dazu arbeiten 90 Prozent der US-Bürger mit dem aktuellen Internet-Standard.

Auf die digitale Wirtschaft und Gesellschaft konzentriert sich die dritte Säule. Um kein weiteres Abflauen unserer Ökonomie zu riskieren, gehört Start-ups kräftig unter die Arme gegriffen. Das sichert Arbeitsplätze und Innovation. Richtlinien zur Standardisierung müssen vertieft werden, um die Verbreitung wichtiger Dienstleistungen, etwa im Transport-, Energie- und Gesundheitswesen, zu beschleunigen. Und via eGovernment sollen die öffentliche Verwaltung modernisiert und öffentliche Dienstleistungen zwischen den Mitgliedsstaaten so gestaltet werden, dass möglichst nahtlos zusammengearbeitet werden kann. 

Mehr Output, mehr Arbeit - grenzenlos

Die Europäische Union arbeitet momentan an drei gewaltigen Zielvorgaben: 415 Milliarden Euro mehr Wirtschaftsleistung pro Jahr, zusätzliche Arbeitsplätze, ein wahres Europa ohne Hürden.

Was wir in Europa zusätzlich brauchen, ist ein noch stärkeres gemeinsames Bekenntnis zur Etablierung von IT-Intelligenz und von marktfähigen Zukunftslösungen, mit denen wir eine europäische IT-Wertschöpfungskette umsetzen können. Weltweit sind mit Stand 2015 rund 3.500 Start-ups im Finanzbereich am Arbeiten, sogenannte FinTechs. Das Risikokapital dafür hat sich seit 2010 beinahe verzwanzigfacht. Nur ein Bruchteil davon ist in Europa am Walten.

Das liegt aber nicht am europäischen Know-how. Die Hälfte der aktuell vielversprechendsten Start-ups kommt aus Europa. Aber es sind US-Amerikaner, welche die besten, mit unseren Steuergeldern entwickelten Ideen aufkaufen. Wie schützen wir uns am besten vor diesem Brain Drain? Was mir vorschwebt, ist eine europäische IT-Stiftung. Diese kann nach dem Modell der „European Bank for Reconstruction and Development“ (EBRD) oder der „European Investment Bank“ (EIB) auf Basis staatlicher Stakeholder, wie die nationalen Finanzministerien, positioniert werden. 

Die Idee ist, dass eine solche Organisation von den IT-Größen der Europäischen Union und auch Anwendern und Profiteuren fortschrittlicher Lösungen aus IT-abhängigen Branchen wie Verkehr – man denke an die Automobilindustrie –, Gesundheit, Maschinenbau oder Umwelttechnik finanziell unterstützt wird, anteilig zu deren Marktgröße. Damit speist sich diese Quelle, um kreative Start-ups zu fördern.

Für eine solche europäische IT-Stiftung brauchen wir eine stabile europäische Kernaktionärsstruktur, die geeignet ist, unsere Interessen zu schützen und Wertschöpfungspotenziale dieser Zukunftsindustrie zu bündeln. Eine IT-Stiftung kann überdies die notwendigen Entwicklungsstrategien auf Megatrends ausrichten und Entwicklungsleistungen auf die Bedürfnisse unserer europäischen Industrie-4.0-Gesellschaft abstimmen. 

Der Schlüssel: Eine homogene eIdentity

Der Hauptaspekt eines digitalen Europas liegt meiner Vorstellung nach in der elektronischen Identität. Eine Identität, die gekoppelt ist an eine Person und das Melderegister, eine homogene eIdentity, die alle Türen öffnen kann. Die eID wird im Idealfall mittels Chip in die Haut implantiert und damit eins mit seinem Besitzer, kann nicht entwendet oder verloren werden. Und das Wichtigste: Die so entstehenden Daten sind nicht übertragbar, solange der Besitzer nicht einverstanden ist. Erst nach einem gegenseitigen, hochverschlüsselten Identitätsnachweis können Online-Services genützt werden.
Auch das Smartphone könnte als Träger unserer eID dienen. Allerdings kann es verloren gehen oder gestohlen werden. Und obwohl die Verkaufsraten für diese Informations- und Kommunikationstechnologie durch die Decke zischen, gibt es immer noch Menschen, die darauf bewusst verzichten. Entweder, weil die finanziellen Mittel dafür nicht vorhanden sind, oder weil sie vor der ständigen Verbundenheit mit der digitalen Parallelwelt flüchten wollen und lieber noch bei der internetfreien Telefonie verweilen. Letztendlich ist außerdem ein viel dichterer Ausbau des Breitbandnetzes notwendig, um das Smartphone als Universalschlüssel einsetzen zu können.

Eine eIdentity soll die Verbindung an das Bildungs- und Gesundheitswesen sein, aber auch das Shoppen im Internet zur Selbstverständlichkeit machen. Mit einer eID sollen heutige Hürden im Handel und in der Verwaltung niedergerissen werden.
Mittels eID und eSignature können Verfahren und Dokumente innerhalb Europas endlich standardisiert werden. Dokumente sind dann im digitalen Tresor empfang- und speicherbar. Dabei kann es sich etwa um Versicherungspolizzen handeln, die mit der eSignature unterzeichnet direkt und unabhängig vom Versicherer im persönlichen elektronischen Tresor landen.

Dieser digitale Tresor wird vom jeweiligen Bürger selbst verwaltet. Kein Außenstehender darf sich an den darin liegenden Dokumenten vergreifen, außer, der Inhaber lässt dies auf temporärer Basis zu – etwa, wenn Behörden ein Dokument anfordern.

Sowohl für Dokumente, insbesondere für behördliche Papiere, wie etwa Personenstandsdokumente und Befähigungsnachweise, müssen europaweit die gleichen Standards gelten. Dasselbe gilt für elektronische Akten, damit diese europaweit, wenn angefordert, formal digital ausgetauscht werden können.

Dringend: Weiterentwicklung der Kryptographie

Um mit höchsten Sicherheitsstandards arbeiten zu können, gehört in Europa die Kryptographie weiter ausgefeilt, sowohl für die hochsichere Speicherung von Schlüsselmaterial als auch Verschlüsselungsalgorithmen als Open Source Bausteine. Ohne ordentliche Verschlüsselung wird Kriminellen der Zugang zu unseren Daten einfach gemacht. Allein 2014 machte der Schaden, den Cyberräuber angerichtet haben, insgesamt geschätzte 575 Milliarden Dollar aus.

Und wenn alle Milestones für einen Digitalen Binnenmarkt Europas umgesetzt werden? Was verbirgt sich hinter der Zielgeraden? Der Großteil der europäischen Online-Daten liegt dann auf Servern der „United Clouds of Europe“, einer gemeinschaftlichen Datenwolke "Made in Europe". Damit hat die Industrie die ursprünglichen Prognosen für 2020 weit überholt und Einsparungen von über 500 Milliarden Euro generiert. Die europäische Wirtschaft kann endlich kräftig durchatmen, hat sie doch um 1,9 Prozent zugelegt – das ist ein Wachstumsplus von 206 Milliarden Euro! Und letztendlich könnte ein Digitaler Europäischer Binnenmarkt ganz nebenbei das schaffen, wovon bisher nur geträumt wird: Eine Aufwertung des schwächelnden europäischen Selbstwertgefühls.

Helmut Fallmann
Mitglied des Vorstandes

Vor fast drei Jahrzehnten gründete Helmut Fallmann gemeinsam mit Leopold Bauernfeind die Unternehmensgruppe Fabasoft. Heute ist er Mitglied des Vorstandes der Fabasoft AG. Fabasoft hat sich zu einem führenden europäischen Softwareprodukthersteller und Cloud-Dienstleister mit Sitz in Linz, Österreich, entwickelt.

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