Dreiteilige Serie: Wie Europa die Digitalisierung stemmt – 1

19. Juni 2017

Teil 1: Die europäische Ausgangssituation und Digitalisierungs-strategien in Deutschland

Der digitale Kosmos dreht sich mit einer Höllengeschwindigkeit, in kürzesten Zeitintervallen erscheinen am technologischen Horizont immer wieder neue Artikulationen des Virtuellen. Inmitten dieser Welt aus Big Data, Cloud Computing, Industrie 4.0 oder einer rasant Fahrt aufnehmenden autonomen Mobilität gerät ein universelles Systemverständnis zur Steuerung unserer Wirtschaftsprozesse und zum Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft schnell zur Schimäre. Die Komplexität der digitalen Welt erfordert die Mobilisierung aller gemeinsamen Kräfte.

Nur mit der „Weisheit der Vielen“, dem Zusammenschluss unserer begabtesten Köpfe in Wissenschaft, Forschung und Industrie, werden wir verhindern können, dass Europa, dieser einst blühende Kontinent fortschrittlichster Ingenieurskunst, im globalen Wettrennen nicht weiter ins Hintertreffen gerät und seine Optionen auf gesellschaftliche Wohlstandssicherung fahrlässig aufs Spiel setzt.

Digitalisierung – schaffen wir das?

Das ambitionierte Vorhaben, Europa bis zum Jahr 2020 als wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt neu zu formieren, kann nur gelingen, wenn jetzt auch die kleineren und mittleren Unternehmen allen Zweifeln und Ängsten zum Trotz mit ins Boot geholt werden.

Diese Einsicht scheint sich jetzt durchzusetzen und wird mit vielen Programmen in die erforderliche Breite getragen. Sowohl in der Europäischen Union als auch auf ihrer volkswirtschaftlich bedeutendsten Kooperationsachse, dem koordinierten Zusammenspiel der Wirtschaftsriesen Deutschland und Frankreich, wurde demnach eine neue, groß angelegte Digitalisierungsoffensive zur absoluten Priorität gemeinschaftlichen politischen Handelns erklärt. In Anlehnung an die Worte des letzten US-Präsidenten Barack Obama sollten wir jetzt das Engagement für eine gestaltende digitale Ordnungspolitik zur Förderung von Wachstum, Innovation, Wettbewerb und demokratisch-gesellschaftlicher Teilhabe noch einmal selbstbewusst mit einem „Yes, we can!“ untermauern.

Digitale Innovation-Hubs befördern die benötigten Ökosysteme

Die industriell fortschrittlichsten Mitgliedsländer der Europäischen Union, und dazu muss man Deutschland, Frankreich und auch Österreich zweifelsohne zählen, haben mit einer „Digitalen Agenda“ das Fundament für den erforderlichen Radikalumbau ihrer Volkswirtschaften gelegt.

Ausgehend von seiner Leitschnur für die Digitalpolitik der Bundesregierung „Digitale Agenda 2014-2017“, deren Maßnahmenumsetzung mittlerweile durch einen entsprechenden Legislaturbericht evaluiert worden ist, hat Deutschland nunmehr seine zukünftigen Visionen in der „Digitalen Strategie 2025“ zu Papier gebracht. Dabei geht es unter anderem um den Ausbau eines Gigabit-Glasfasernetzes (wo unser Nachbarland derzeit der globalen Entwicklung noch deutlich hinterherhinkt), die Ermutigung zu größerer, unternehmerischer Kreativität durch Erleichterungen für Start-ups, die Umstellung der traditionellen Großindustrie auf die Erfordernisse der digitalen Plattform-Ökonomie, die forcierte Förderung von KMUs zur Teilhabe an der digitalen Wirtschaft, aber auch zum Aufbau von Technologiekompetenz zur Etablierung von durchgehenden inländischen Wertschöpfungsketten bei Soft- und Hardware-Innovationen, und letztlich um eine Verschränkung aller Akteure in digitalen Ökosystemen. Von diesen IKT-Clustern und Think Tanks sollen sowohl Impulse für eine besser koordinierte F&E-Förderpolitik als auch für eine Qualifizierungsoffensive in der Bildung zur Bedienung neuer und wirtschaftlich stark nachgefragter Berufsbilder und zur Adaption auf die Verhältnisse von Arbeit 4.0 ausgehen.

Mit ihrer im Herbst 2016 gestarteten Initiative „Digital Hub.de“ hat die Bundesrepublik unter Federführung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) ein echtes Vorzeigemodell etabliert, welches in Europa Schule machen sollte. Der Hub-Initiative liegt die Idee zugrunde, dass die Zusammenarbeit von Gründern, Wissenschaftlern, Investoren und internationalen Weltmarktführern der etablierten Wirtschaft auf engem Raum Innovationen in der digitalen Wirtschaft befeuern kann. Da eine Ballung von IT-Kompetenz, wie sie im amerikanischen Silicon Valley über Jahrzehnte aufgebaut worden ist, in Deutschland nicht mit einer Ein-Standort-Philosophie kopiert werden kann, entschied man sich dafür, die Hubs entlang bestehender, lebhafter Start-up-Szenen, anerkannter wissenschaftlicher Exzellenz an Hochschulstandorten und führender industrieller Kompetenz in unterschiedlichen Zukunftsbranchen zu organisieren. Das BMWi hat die Anzahl der Hubs auf zwölf begrenzt, um einer Beliebigkeit vorzubeugen und strenge Richtlinien für die Standortbewerbungen aus den deutschen Regionen ausgegeben.

Die interne und externe Strahlkraft der Initiative, die auf großes bundesweites Interesse stieß – mit bleibenden positiven Auswirkungen auf den Standortwettbewerb in Deutschland insgesamt – wird über eine eingerichtete Hub-Agentur verstärkt, die sich um die professionelle, überregionale Vernetzung der zwölf unter der gemeinsamen Dachmarke „de:hub – digital ecosystems“ segelnden Hubs kümmert. Diese wichtige Funktion wurde auf Basis einer gewonnenen Ausschreibung an die Rocket Internet-Ausgründung „RCKT“ delegiert.

Mittelstand 4.0 – Digitale Transformation in KMUs

Mit der Förderinitiative „Mittelstand 4.0“ bemüht sich Deutschland, die konsequente Digitalisierung der Beschaffungs-, Produktions- und Distributionsprozesse bei kleinen und mittleren Unternehmen über alle Branchen hinweg maßgeblich voranzutreiben. Die drei Kernziele der Initiative sind schnell umrissen: Startpunkt der Aktion ist die Sensibilisierung der KMUs für die technologischen und wirtschaftlichen Potenziale und Herausforderungen der Digitalisierung. Daran schließt sich die Unterstützung der KMUs bei der Entwicklung von bedarfsgerechten, sicheren und marktfähigen Lösungen durch konkrete Anschauungs- und Erprobungsmöglichkeiten, wie z.B. in Industrie 4.0-Installationen. Begleitet werden diese Maßnahmen durch die Bereitstellung von Informations- und Wissensbausteinen zur Digitalisierung über etablierte Transferstellen und Multiplikatoren.

Als strategischer Überbau fungieren die derzeit zehn über das Bundesgebiet verteilten „Mittelstand 4.0 Kompetenzzentren“ und ein „Kompetenzzentrum Digitales Handwerk“ mit seinen vier „Schaufenstern“ Nord, West, Süd und Ost. Die Kompetenzzentren in Hannover, Darmstadt, Dortmund, Kaiserslautern, Berlin, Chemnitz, Ilmenau, Hamburg, Augsburg und Stuttgart haben sich unterschiedlichen Schwerpunktstellungen der KMU-Digitalisierung verschrieben, die quasi in Summe das gesamte Spektrum an Digitalkompetenzen abdecken.

Auf die Vorbereitung der KMUs für einen sicheren Einstieg in die Welt von Industrie 4.0 wird in den Kompetenzzentren höchster Wert gelegt. Anschauungsunterricht gibt es in stationären Musterfabriken ebenso wie durch mobile Fabriken, die es KMU-Einsteigern ermöglichen, innovative neue Prozesse und Logistiksysteme am eigenen Firmenstandort auszuprobieren. Mit einem Portfolio, das von digitaler Produktion mittels modularisierter Testfabriken, über effiziente Wertschöpfungsprozesse, Fragestellungen rund um Arbeit 4.0, IT-Sicherheit, neue Geschäftsmodelle, digitales Marketing, elektronische Kundenbindung, Supply-Chain-Management, 3D-Druck und Automatisierungslösungen sowie Software und Assistenzsystemen und den Metathemen Smart Mobility, Smart Building und Smart Health reicht, bieten die Kompetenzzentren KMUs jeglicher Couleur Hilfestellungen für den anstehenden Wandel.

Mit der in Deutschland nunmehr in der KMU-Förderung erreichten Flächendeckung und Themenuniversalität hofft die führende Industrienation in der EU seine Gesamtwirtschaft schnell auf die Erfordernisse der digitalen Ära anpassen zu können. Im nächsten Blog werde ich Ihnen mehr über die Digital-Initiativen in Frankreich erzählen, um im dritten Teil dieser Reihe die hiesige "Digital Roadmap Austria" vorzustellen.