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"Laissez-faire" können wir uns nicht leisten: Welche Bildungsprojekte das digitale Österreich auf Vordermann bringen sollen

6. März 2017

In meinem letzten Blog habe ich umrissen, warum die Digitalisierung dringend zum großen Thema im Bildungsbereich werden muss. Dazu möchte ich nun über erwähnenswerte heimische Initiativen berichten und die Erwartungshaltung der IT-Wirtschaft darlegen.

Zur besseren Vermittlung digitaler Fähigkeiten informierte das Bildungs-Ministerium bereits im Jahr 2010 im Rahmen seiner neuen IT-Strategie „efit-21“ über „Digitale Kompetenz an Österreichs Schulen“. Behandelt wurden Fragen des Kompetenzerwerbs im digitalen Zeitalter, pädagogische Maßnahmen einer reflektierten Mediennutzung, die Gestaltung der Internet Policy auf Schulebene sowie den Serviceumfang und -grad des Schulnetzes.

Digitale Kompetenz wurde dabei definiert als Lernen über und mit dem Computer und als Beherrschung von Multi- und Telemedien, die Vermittlung von IKT-Wissen als Kulturtechnik eingeordnet. Man forderte die Lehrerschaft auf, bei der Unterrichtsgestaltung auf den Einsatz moderner elektronischer Bildungsmedien zurückzugreifen, also digitalisierte Lehrmaterialien wie E-Schulbücher.

Eine weitere Initiative für die Pädagogenschaft entstand im Jahr 2013, als anlässlich des Gesetzesentwurfs „PädagogInnenbildung NEU“ von der E-Learning Strategiegruppe der Pädagogischen Hochschulen Österreichs das „Weißbuch zu Digitalen Medien und Technologien in der Lehrerausbildung" herausgegeben wurde.

Das Henne-Ei-Problem

Dieses Weißbuch war ein wichtiger Vorstoß in Sachen Festlegung von Ausbildungsinhalten. An den in Österreich verbreiteten Trainingskursen wie ECDL (European Computer Driving Licence) und EPICT (European Pedagogical ICT Licence) wird seitens namhafter heimischer Bildungsexperten Kritik laut, da sie nur bestimmte Teilaspekte einer umfassenden Digital Competence-Ausbildung für Lehrkräfte abdecken. Der in Dänemark entwickelte und auch in einigen anderen europäischen Ländern zum Einsatz gelangende Trainingskurs EPICT versteht sich als europäischer Qualitätsstandard für die laufende professionelle Entwicklung von Lehrkräften bei der pädagogischen Integration von Information, Medien und Kommunikationstechnologie in die Erziehungspraxis. Er setzt jedoch eine Digital Literacy bei der Benutzung von Computern voraus. Im Umkehrschluss fehlt der ECDL jeder didaktische Bezug.

Auch die Österreichische Computer Gesellschaft (OCG) hat sich mit ihrem Arbeitskreis Informations- und Kommunikationstechnologie und Schule in die bildungspolitische Diskussion eingemischt. Das Positionspapier „Vermittlung informatischer Kompetenzen und Medienkompetenzen in allen Lehramtsstudien aller Ausbildungsinstitute Österreichs“ schlug drei Module vor. Im Modul "Informatisches Wissen für Pädagoginnen" geht es um die Vermittlung grundlegender Informatik- und IKT-Kompetenzen. Daran schließen die Module "Digitale Medien und IKT im Bildungswesen" mit der Vermittlung von Anwendungskompetenz für PädagogInnen beim Einsatz von digitalen Medien zum Lehren und Lernen und "Digitale Medien und IKT in Domänen und Fächern" an.

Die umtriebige Beschäftigung des österreichischen Bildungssektors und weiter Kreise der IT-Wirtschaft mit dem Thema zeigt, dass Österreich in den letzten Jahren ein hohes Problembewusstsein aufgebaut hat. Der für mich aber wichtigste Durchbruch besteht in der 2013 verabschiedeten „PädagogInnenbildung NEU“, mit der alle in Österreich angebotenen Lehramtsstudien reformmäßig erfasst worden sind. Seit dem Studienjahr 2015/16 werden die Bachelorstudien nach der neuen Studienstruktur ausgerichtet, seit Beginn des Universitäts- und Hochschuljahres 2016/17 auch die Masterstudien. Damit ist die gesamte hiesige Lehramtsausbildung heute konform mit der Bologna-Architektur.

Als Vertreter der Wirtschaft wäre ich sehr an einer stärkeren Kooperation mit der Lehrerausbildungspädagogik interessiert, damit wir auch unsere Perspektive auf die Erfordernisse digitaler Vermittlungskompetenz in die Diskussion einbringen können. Ich hoffe, dass mit der neuen Struktur auch eine Annäherung von Pädagogischen Hochschulen und Universitäten in Bezug auf Umfang und Inhalte der Didaktik digitaler Fertigkeiten und Fähigkeiten einhergegangen ist und der installierte Qualitätsbeirat hier auch entsprechende Akzente setzt und setzen wird.

Begabtenförderung muss forciert werden

Seit dem vergangenen Herbst engagiere ich mich als Präsident des Vereines „Talente Oberösterreich“ auch in der Begabtenförderung und Begabungsforschung. Im Zuge meiner ersten Weichenstellungen hatte ich auch Kontakt mit dem Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung. Diese seit Langem in Österreich tätige Expertenorganisation kritisierte im letzten Jahr in einer Pressekonferenz, dass der Nationale Bildungsbericht des BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung) die Thematik der Begabtenförderung nahezu totschweigt und fast ausschließlich Problemlagen leistungsschwacher Risikoschülerinnen und -schüler thematisiert.

Da wir in Österreich mit Spitzenbegabungen im internationalen Vergleich ohnehin nicht verwöhnt sind, müsste dieser Zielgruppe im Interesse der Fortschreibung unserer nationalen ökonomischen Leistungskraft besonderes Augenmerk geschenkt werden. Bei einem Potenzial für Spitzenleistungen von 20% pro Schuljahrgang entspricht dies aber immerhin mehr als 200.000 Schülerinnen und Schülern, wie dies die Geschäftsführerin des ÖZBF, Dr. Claudia Resch, herausgearbeitet hat.

Ich schließe mich ihrer Kritik an der bildungspolitischen Steuerung des österreichischen Schulsystems voll an. Begabte haben ein Grundrecht auf Förderung (Begabtenerlass 2009). Sie können ihre Talente jedoch nur entwickeln, wenn sie auf strategischer und systematischer Basis gefördert werden. Um am Schluss Bildungsministerin Sonja Hammerschmid zu zitieren: „Spitzentalente nicht zu fördern schädigt langfristig den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Österreich.“ Im internationalen „war on talents“ können wir uns eine solche „Laissez-faire“-Haltung nicht leisten.

6. März 2017
2017-03-20